Sicherheitskultur im Wandel

Themen: Gefahr/Risiko 

 
 
  

Gefahr/Risiko

Gefahren und Risiken beschreiben einerseits konkrete Bedrohungsphänomene mit bspw. technologischen, klimatischen, finanziellen oder politischen Hintergründen und andererseits die Linsen, durch welche Phänomene als Bedrohungen erst erkannt, geordnet, und evaluiert und Gefahren und Risiken zu politischen Kategorien werden.

Beide Terme werden im öffentlichen Diskurs oft als austauschbare Begriffe für gesellschaftlich bedrohende Phänomene verwendet. Nichtdestotrotz ist z.B. ein Meteoritenschlag nicht identisch mit einem terroristischen Anschlag. "Gefahr" impliziert oft das Nicht-beeinflussbare, während "Risiko" eine Handlungsdimension beinhaltet. Ob ein Phänomen als Gefahr oder als Risiko im politischen oder im öffentlichen Diskurs bezeichnet wird ist nicht folgenlos: oft wird durch die "Gefahr"-Perspektive eine Externalisierung von Haftung und Verantwortung durch politische Entscheidungsträger unternommen. Gleichzeitig werden oft proaktive Maßnahmen durch Dramatisierung und selektive Versicherheitlichung von Phänomenen zu realen Gefahren legitimiert. In dieser Hinsicht haben solche Definitionsverschiebungen durchaus Konsequenzen für die Praxis der Sicherheitspolitik.

Aktivitäten zum Thema

07/2012 Apokalyptische Verunsicherung. Zur Bedrohlichkeit des Ununterscheidbaren Working Paper 11 | 2012

Apokalypsen beruhen auf tradierten Bildern, fiktiven Imaginationen und kulturellen Deutungsmustern. Damit sind weder reproduzierbar noch wissenschaftlich mit validen Methoden beschreibbar. Auch das traditionell starke Risikokonzept der Sozialwissenschaften zur Beschreibung der Zukunft ihres Forschungsgegenstandes greift hier nicht. Dieser Beitrag von Valentin Rauer unternimmt deshalb den Versuch, im Rahmen dieser sozialwissenschaftlichen Ansätze nach den spezifisch sicherheitskulturellen Aspekten von Apokalypsen zu fragen. Dazu wird eine Typisierung vorgeschlagen, die sich historisch auf das 20. Jahrhundert beschränkt und sich in drei Phasen unterteilt. Kreisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts die apokalyptischen Bedrohungsszenarien noch um die Subjekte (die apokalyptische Bedrohung der Menschheit ging von der modernen Gesellschaftsordnung, d.h. von der Menschheit selbst aus), so geriet gegen Mitte des 20. Jahrhunderts zunehmend die objektive Welt der Dinge und Technologien unter Verdacht, eine Apokalypse auszulösen. Inzwischen scheint sich mit Übergang zum 21. Jahrhundert eine dritte Phase von apokalyptischen Szenarien auszudifferenzieren: Existentielle Bedrohungen gehen nicht mehr von identifizierbaren Bedrohungen wie gesellschaftlichen Entfremdungen oder Atomwaffen aus. Vielmehr gelten das Nicht-Identifizierbare, die Ununterscheidbarkeit als existentielle Bedrohung. Auf die Apokalypse der Subjekte und der Apokalypse der Objekte, so der Vorschlag dieses Papiers, folgt die ‚apokalyptoide’, d.h. Apokalypse-ähnliche Situation.

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08/2011 Sichere Gesundheit – gesunde Sicherheit: Pandemien als objektives und subjektives (Sicherheits-)Risiko Aufsatz in S+F / Sicherheit + Frieden, 2011/2

Die Globalisierung, v. a. der gestiegene Flugverkehr, die zunehmende Verstädterung und das Vordringen in den tropischen Regenwald haben eine erhöhte Verwundbarkeit der Menschheit gegenüber Viren und Bakterien zur Folge und damit die mathematische Wahrscheinlichkeit von Pandemieereignissen erhöht (objektive Unsicherheit). Aber auch das Bewusstsein von Gesellschaften, Staaten und internationalen Organisationen gegenüber solchen Risiken ist deutlich größer geworden (subjektive Unsicherheit): Pandemieereignisse werden auf der inter-gouvernementalen Ebene immer mehr als existenzielle Bedrohung aufgefasst und zunehmend "versicherheitlicht". Dabei ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass ein versicherheitlichtes Regierungshandeln, das auf eine möglichst effektive Problemlösung fokussiert ist, auf Kosten der individuellen Freiheits- und Bürgerrechte einer Gesellschaft geht. Der problematische trade-off zwischen Sicherheit einerseits und Freiheit andererseits lässt sich besonders gut am Beispiel von Singapurs Umgang mit SARS-Krise zeigen.

Literatur
Engert, Stefan 2011: Sichere Gesundheit – gesunde Sicherheit: Pandemien als objektives und subjektives (Sicherheits-)Risiko, in: Sicherheit und Frieden 29, 2, 103-108.

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