Sicherheitskultur im Wandel

Themen: Sicherheitskommunikation 

 
 
  

Sicherheitskommunikation

Öffentliche Kommunikation über Risiken und Bedrohungen ist ein zentraler Bestandteil sowohl reaktiver als auch proaktiver Sicherheitspolitik. Einerseits vermittelt Kommunikation in der Öffentlichkeit Informationen zwischen sicherheitspolitischen Akteuren und den Bürgern, andererseits entfaltet sie einen eigenständigen Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung von Sicherheit und Unsicherheit sowie auf die Gestaltung von Sicherheitspolitik. Im Rahmen dieses komplexer gewordenen Kommunikationsprozesses ist eine dreifache Entwicklung zu beobachten: Die Agenda der sicherheitsrelevanten Themen ist die vergangenen Jahre dramatisch erweitert worden; die nicht-staatlichen Gruppen und Initiativen, die an dem Kommunikationsprozess aktiv beteiligt sind, haben sich vermehrt; und die Strategien, die angewendet werden, um sicherheitspolitische Interessen zu verfolgen, haben sich aufgrund der neuen technologischen Medien verändert. Die Untersuchung des Wandels solcher Kommunikationsdynamiken liefert dementsprechend wichtige Indizien für den Wandel von Sicherheitskultur(en).

Die öffentliche Kommunikation von Politikinhalten ist Voraussetzung sowohl für die Legitimität als auch für die Effektivität politischer Entscheidungen. Dies ist besonders der Fall bei sicherheitsrelevanten Themen wie z. B. der Verwundbarkeit kritischer Infrastrukturen, der Gefahr von terroristischen Anschlägen oder dem Nutzen von militärischen Auslandseinsätzen. Öffentliche Kommunikation trägt nicht nur zur Aufklärung der Bürger bei, sondern birgt ein hohes Mobilisierungs- und Manipulationspotenzial. In Wohlstandsgesellschaften wie der deutschen steigt wieder (Un-)Sicherheit zur zentralen Drehachse der Politik auf. Vor diesem Hintergrund scheint aktuell das Zusammenspiel zwischen Inhalten, Akteuren und Auswirkungen von Kommunikation über Unsicherheit im Wandel zu sein. Erstens geht die Erweiterung der sicherheitspolitischen Agenda um „zivile Sicherheit“ einher mit einer verstärkten Wahrnehmung von Bedrohungen, die das gesamte Spektrum des Lebens betreffen. Zweitens findet eine Pluralisierung von sicherheitspolitischen Akteuren statt: Neben staatlichen Behörden prägen zunehmend die neuen Medien inkl. sozialer Netzwerke, wissenschaftliche Experten, Interessenvertreter von der Hightech-Industrie sowie Bürgerinitiativen die Landschaft der Sicherheitskommunikation. Die Technologie ermöglicht mittlerweile breiten Teilen der Gesellschaft, aktiv die Gestaltung der sicherheitspolitischen Agenda zu beeinflussen, statt passive Empfänger einer offiziellen Botschaft zu sein. Drittens gibt es unbeabsichtigte Auswirkungen der o.g. Entwicklungen, wie z.B. die Inflation von Schutzansprüchen seitens der Bürger, die potenziell zu Überforderung des Staates sowie zum Vertrauens- und Legitimitätsverlust führen. In diesem Rahmen entstehen folgende Fragenkomplexe:

Wie wird mit Ungewissheit, Dissonanz und Ambiguität in Bedrohungssituationen umgegangen und wie werden komplexe sicherheitspolitische Inhalte in klare Botschaften verpackt, ohne zu populistischen Zwecken missbraucht zu werden?

Wie werden Bedrohungen innerhalb des öffentlichen Kommunikationsprozesses inszeniert und dadurch normalisiert, entpolitisiert oder als inakzeptabel stilisiert?

Was ist die Rolle der Sicherheitskommunikation während Ausnahmezuständen und welche Widersprüche entstehen im Spannungsfeld zwischen Alarmismus und Verharmlosung, wie z.B. bei den Terrorwarnungen im November 2010?

Wie eskalieren Ereignisse letztlich zu Katastrophen und Krisen internationaler Reichweite, wie z.B. beim dem AKW-Unfall in Fukushima oder bei der Intervention in Libyen seit März 2011, und wie wird in diesem Kontext Verantwortung und Haftung zugerechnet?

Die Problematik der Sicherheitskommunikation ist zentral im Umgang mit Terrorismus, Pandemien, militärische Auslandseinsätzen oder Migration und durchdringt sowohl den Entwurf von passenden Strategien als auch die Ursachen und Auswirkungen von Sicherheitspolitik.

Aktivitäten zum Thema

12/2011 Sicherheitspolitische Krisen Neues Debattenformat auf der Webseite

In einer sicherheitspolitischen Krise kommt der Kommunikation in der Öffentlichkeit eine Schlüsselrolle zu: Die Art und Weise, wie Entscheidungsträger, staatliche Behörden, Online- und Printmedien, Interessensvertreter aus der Wirtschaft sowie nicht-staatliche Organisationen und Bürgerinitiativen über Bedrohungen kommunizieren, prägt maßgeblich die Akzeptanz von Maßnahmen und den Erfolg ihrer Umsetzung. Zu diesem themenkomplex baten wir fünf KollegInnen aus verschiedenen Disziplinen um ein kurzes statement [Zur Debatte]

08/2011 Die neue Ambivalenz in der Sicherheitspolitik: Sicherheitskultur als tiefer Kontext Aufsatz in S+F / Sicherheit + Frieden, 2011/2

Angesichts aktueller Sicherheitsbedrohungen, die die gesellschaftliche Alltagsnormalität dramatisch zu unterbrechen vermögen, stoßt die Politik ziviler Sicherheit an der Grenze von Berechenbarkeit und rationaler Planung. Zivile Sicherheit wird zunehmend in Bezug auf die Vulnerabilität kritischer Infrastrukturen und dies favorisiert gewisse sicherheitspolitische Reaktionsmuster wie z.B. den Fokus auf Bedrohungen mit niedriger Eintrittswahrscheinlichkeit und hohem Schadensausmaß, aktionistische Symbolpolitiken, und das Vorantreiben von High-Tech Innovationen. Das Definieren und Priorisieren von bestimmten neuen Themen als Sicherheitsbedrohungen sowie das Selektieren bestimmter Behandlungsoptionen sind Manifestationen herrschender Sicherheitskultur. Sicherheitskultur liefert sicherheitspolitischen Entscheidungen einen "tiefen Kontext" und auf einer unsichtbaren Weise hilft sie dabei, Ungewissheit und Ambiguität zu reduzieren und politische Dilemmata zu überwinden um handlungsfähig zu werden. Nichtdestotrotz ist Sicherheitskultur ein ambivalenter Mechanismus, der die politische Fähigkeit, aktuellen Probleme erfolgreich zu begegnen und zukünftige zu antizipieren, steigern aber auch unterminieren kann.

Literatur
Kolliarakis, Georgios 2011: Die neue Ambivalenz in der Sicherheitspolitik: Sicherheitskultur als tiefer Kontext, in: Sicherheit und Frieden 29, 2, 72-77.

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News

Working Paper zur Sicherheitskultur als interdisziplinäres Forschungsprogramm, Interobjektivität, Humanitären Interventionen, zum Umgang mit Unsicherheit sowie zum AIDS Diskurs erschienen Weiter »

Dritter Sammelband "Politik und Unsicherheit: Strategien in einer sich wandelnden Sicherheitskultur" erschienen Weiter »

Sammelband "Verunsicherte Gesellschaft - überforderter Staat" erschienen Weiter »