Sicherheitskultur im Wandel

Themen: Pandemien 

 
 

Pandemien / gesundheitliche Risiken

Seit der Jahrtausendwende spricht man von 'neuen' Pandemien wie z. B. der Lungenkrankheit SARS im Frühjahr 2002 oder der Schweinegrippe im Herbst 2009. Aufgrund der zunehmenden Vernetzung und Mobilität seit den 1990er Jahren haben länder- bzw. kontinental übergreifender Infektion ein neues Bedrohungspotenzial entwickelt, das sich in seiner Ausbreitung entlang der internationalen Flugrouten nachweisen lässt. Allein die Schweinegrippebekämpfung im Jahr 2009 hat die deutsche Bundsregierung ca. 500 Millionen Euro für die Bereitstellung von Impfdosen gekostet. Die Frage ist also wie eine angemessene Gesundheitspolitik aussehen kann, die die eigene Bevölkerung wirksam vor Gesundheitsschäden - auch durch Bioterroranschläge - schützt und dabei die finanziellen Kosten sowie die Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit des einzelnen Bürgers (z. B. Zwangsquarantäne) auf ein verantwortliches Minimum reduziert.

Der Anstieg des globalen Waren- und Dienstleistungsreiseverkehrs hat die Verbreitungsgeschwindigkeit von Erregern massiv erhöht. Der weltweite, erschwingliche Reiseverkehr sorgt dafür, dass jeder Punkt der Erde innerhalb von 36 Stunden erreichbar ist - für Touristen und Geschäftsreisende genauso wie für die Viren, die sie unsichtbar mittransportieren. Zudem lassen Überbevölkerung und Verstädterung, v. a. in Megacitys mit extrem hoher Bevölkerungsdichte, die Zahl der möglichen Opfer im Falle eines outbreaks gleich um ein Vielfaches ansteigen.

Diese Risiken haben nationale wie internationale Notfallplanungen notwendig gemacht. Allerdings sind schon Präventivmaßnahmen wie Massenimpfungen höchst kostenintensiv - Interventionsmaßnahmen wie z. B. antivirale Medikamente oder Intensivpflege auf Isolierstationen nicht eingerechnet. Die möglicherweise erheblichen volkswirtschaftlichen Schäden - die potenzielle Erkrankung großer Teile der arbeitenden Bevölkerung sowie die daraus resultierenden Ausfälle in Produktion, Handel und Tourismus - haben dazu geführt, dass das ursprünglich rein persönliche Risiko der Erhaltung des eigenen Körpers sich zu einem Thema des öffentlichen (Sicherheits-)Interesses gewandelt hat.

Aktivitäten zum Thema

05/2012 The Visualization of Uncertainty Aufsatz im Band "Iconic Power. Materiality and Meaning in Social Life"

Sociology has reacted to the modern challenge of the future with the concept of 'risk'. However, as often criticized, the concept of risk reduces social action to rationalistic techniques of calculation and probabilities. But rational calculation is only one strategy among many that deals with the unknowns of the future. Instead, as social scientists argue, modern states have to deal with both, with risks as well as with uncertainties. Beyond risk calculation, cultural forms have been developed in order to show how societies cope with unknown futures. Public imaginations of future scenarios in terms of uncertainties refer rather to images and icons, less to numbers. This essay by Valentin Rauer attempts to provide one step toward a more methodological refined approach to the study of such visualizations. [more]

Full citation:

Rauer, Valentin (2012): The Visualization of Uncertainty. In: Alexander, Jeffrey, Bartmanski, Dominik, Giesen, Bernhard (Eds.): Iconic Power. Materiality and Meaning in Social Life, New York: Palgrave MacMillan, S. 139-154.

08/2011 Sichere Gesundheit – gesunde Sicherheit: Pandemien als objektives und subjektives (Sicherheits-)Risiko Aufsatz in S+F / Sicherheit + Frieden, 2011/2

Die Globalisierung, v. a. der gestiegene Flugverkehr, die zunehmende Verstädterung und das Vordringen in den tropischen Regenwald haben eine erhöhte Verwundbarkeit der Menschheit gegenüber Viren und Bakterien zur Folge und damit die mathematische Wahrscheinlichkeit von Pandemieereignissen erhöht (objektive Unsicherheit). Aber auch das Bewusstsein von Gesellschaften, Staaten und internationalen Organisationen gegenüber solchen Risiken ist deutlich größer geworden (subjektive Unsicherheit): Pandemieereignisse werden auf der inter-gouvernementalen Ebene immer mehr als existenzielle Bedrohung aufgefasst und zunehmend "versicherheitlicht". Dabei ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass ein versicherheitlichtes Regierungshandeln, das auf eine möglichst effektive Problemlösung fokussiert ist, auf Kosten der individuellen Freiheits- und Bürgerrechte einer Gesellschaft geht. Der problematische trade-off zwischen Sicherheit einerseits und Freiheit andererseits lässt sich besonders gut am Beispiel von Singapurs Umgang mit SARS-Krise zeigen.

Literatur
Engert, Stefan 2011: Sichere Gesundheit – gesunde Sicherheit: Pandemien als objektives und subjektives (Sicherheits-)Risiko, in: Sicherheit und Frieden 29, 2, 103-108.

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News

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